Das Ruhrgebiet - Kohle, Kumpels und Fussball.
Wenn man vom grünen, beschaulichen Münsterland nach Süden über die Lippe wechselt, betritt man das Herz der deutschen Industriegeschichte. Wo eben noch Kühe auf saftigen Wiesen standen, reihten sich einst Fördertürme, Hochöfen und Zechenkolonien aneinander.
Geschichte: Vom Bauerndorf zur schwarzen Metropole
Die Geschichte des Ruhrgebiets ist eine der radikalsten Verwandlungen, die eine Region jemals durchgemacht hat. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Revier eine ländliche Idylle aus Feldern, Wäldern und kleinen Ackerbürgerstädten an Ruhr und Emscher. Das änderte sich mit der Industriellen Revolution schlagartig: Als die Kohle- und Erzschätze tief unter der Erde entdeckt wurden, explodierte die Region.
Das "schwarze Gold" und der Stahl machten das Ruhrgebiet zum industriellen Motor ganz Deutschlands. Zehntausende Menschen strömten im 19. und frühen 20. Jahrhundert ins Revier – erst aus den preußischen Ostprovinzen, später die "Polaken" aus Masuren und Schlesien, nach dem Zweiten Weltkrieg die "Gastarbeiter" aus Italien, der Türkei, Griechenland und vielen anderen Ländern. Sie alle schufteten unter Tage, auf den Hütten und in den Walzwerken. Das Ergebnis war ein einzigartiger Schmelztiegel der Kulturen, in dem die Zechen und Halden das Gesicht der Landschaft für immer prägten.
Die Menschen: Direkt, herzlich und unverfälscht
Der Kumpel, der Malocher vom Bau – der Mensch im Ruhrgebiet hat einen Ruf, der durch und durch ehrlich ist: "Hergott, wat bist du für ein ehrlicher Haut." Man redet im Revier nicht lange um den heißen Brei herum. Das Herz liegt auf der Zunge, und der Ton ist oft rau, aber herzlich. Hier zählt nicht, woher du kommst, sondern wer du bist und ob man sich auf dich verlassen kann.
Geprägt ist diese Mentalität vom Zusammenhalt unter Tage, wo man sich blind aufeinander verlassen musste. Wenn es hart auf hart ging, stand die Nachbarschaft zusammen. Dazu gehört eine ganz eigene Sprachkultur – das Ruhrdeutsch –, in dem Sätze wie "Komm, wir gehen mal 'ne Schampe trinken" oder "Wo is dein Auto? – Steht am Pütt" einfach zum guten Ton gehören. Und trotz des Strukturwandels nach dem Sterben der Zechen ist dieser Stolz auf die eigene Herkunft, auf die schwarz-gelben oder blau-weißen Farben und auf das Revier ungebrochen.
Versteckte Kleinode: Orte abseits der Reiseprospekte
Während das UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein in Essen oder das Gasometer in Oberhausen weltbekannt sind, schlägt das wahre Herz des Reviers an den Orten, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht vermuten würde
:- Die Halde Hoheward im Abendlicht (Herten/Recklinghausen)
Natürlich kennt man Halden, aber wenn man in der Dämmerung auf dem Plateau steht und die riesige Sonnenuhr über dem funkelnden Lichtermeer des nächtlichen Reviers blickt, spürt man die poetische Seite des Strukturwandels wie an keinem zweiten Ort. - Das Schiffshebewerk Henrichenburg (Waltrop)
Eingebettet in eine grüne Kanal- und Schleusenlandschaft am Dortmund-Ems-Kanal, ist dieser alte Koloss aus Stahl und Nietentechnik ein echtes ingenieurstechnisches Denkmal, wo man wunderbar abseits des Trubels spazieren kann. - Die Arbeitersiedlung "Alte Kolonie Eisenheim" in Oberhausen
Die älteste Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets atmet noch den Geist des 19. Jahrhunderts. Zwischen den kleinen, sanierten Backsteinhäuschen und den winzigen Gärten spürt man hautnah, wie das Leben der Bergleute damals wirklich aussah. - Das Muttental in Witten
Die Wiege des Ruhrbergbaus liegt nicht in Essen oder Dortmund, sondern im grünen Muttental an der Ruhr. Hier kann man auf einem alten Wanderweg zwischen verfallenen Stollen, Schachtresten und plätschernden Bächen direkt durch die Frühgeschichte des Kohlenabbaus streifen. - Der Blankensteiner See / Kemnader See in den Ruhrauen
Wo die Ruhr das Sauerland verlässt und ins Revier fließt, öffnen sich idyllische Auenlandschaften, die im Sommer zum Durchatmen einladen und vergessen lassen, dass man sich im dichtesten Ballungsraum Deutschlands befindet.
Regionale Küchen-Spezialitäten: Deftig, schnell und kultig
Die Küche des Ruhrgebiets ist so pragmatisch wie seine Bewohner: Sie musste schnell gehen, kräftig sein und die Männer satt machen, die schwer geschuftet haben.
- Die Currywurst (mit echter "Schranke")
Die unangefochtene Königin des Reviers. Ob an der Kult-Bude "Dönninghaus" in Bochum oder an der Ecke – eine Bratwurst, getränkt in fruchtiger Tomatensauce und bestäubt mit Currypulver, dazu oft eine "Schranke" (Pommes rot-weiß), ist kulinarischer Kulturgut. - Pfefferpotthast
Genau wie in Ostwestfalen hat dieser deftige Rindfleisch-Eintopf mit viel Zwiebeln hier eine lange Tradition, besonders bei den alten westfälischen Wurzeln des nördlichen Reviers. - Frikadelle (oder "Bulette")
Der perfekte Begleiter für die Hand, ob auf der Arbeit, im Stadion oder beim Spaziergang an der Halde. - Der "Herrengedeck"
Zum Feierabend nach der Schicht gehörte traditionell ein Pils und ein Korn – eine einfache, aber unmissverständliche Ansage. - Kiepenkerl-Gerichte und westfälische Hausmannskost
Da große Teile des nördlichen Ruhrgebiets früher zum Münsterland gehörten, findet man auf den alten Tellern oft noch deftige Kartoffelgerichte, dicke Bohnen mit Speck und hausgemachte Eintöpfe.
Fazit: Das Ruhrgebiet ist laut, es ist dreckig (oder war es zumindest früher), und es ist vor allem eins: lebendig, ehrlich und voller überraschender grüner Oasen mitten im grauen Beton.
